Alzheimer – die verschwiegene Krankheit

Er ist alt. Er ist verwirrt. Er trägt mehrere Kleiderschichten übereinander. Er irrt durchs Haus. Seine Taschen sind gefüllt mit Gegenständen, die dort nicht hingehören: Zahnbürste, Tassen, eine kleine Kamera, ein Päckchen Butter. Er sucht den Ausgang. Er will in die Schule. Er hat Alzheimer.

Alzheimer - die verschwiegene Krankheit Alzheimer - die verschwiegene Krankheit (© Osterland - Fotolia.com)

Eine ältere Dame hat Durst und trinkt. Knapp zwei Liter Weichspüler rinnen durch ihre Kehle. Sie überlebt gerade so. Sie hat Alzheimer.

Der Entdecker des Vergessens

Der Psychiater Alois Alzheimer entdeckte vor rund 100 Jahren an seiner dementen Patientin Auguste Deter erstmals Veränderungen im Hirn. Er ging davon aus, dass es sich um eine sehr seltene Krankheit handeln würde. Doch diese demente Dame ließ ihn irgendwie nicht mehr los.

Geboren am 14. Juni 1864 in Marktbreit (Unterfranken), gestorben am 19. Dezember 1915 in Breslau befasste sich der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer als Erster mit der Demenzerkrankung – und gab ihr seinen Namen. Alois Alzheimer notierte stets akribisch die Dialoge und ein Gespräch mit seiner Patientin Auguste Deter. Folgender Dialog ging in die Medizin-Geschichte ein:

„Wie heißen Sie?“
„Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heißt ihr Mann?“ – Auguste Deter antwortet zögernd:
„Ich glaube… Auguste.“

Der Ehemann von Auguste Deter bringt seine Frau im Jahre 1901 in die Anstalt. Sie ist völlig verwirrt und orientierungslos. Körperlich scheint die 51-jährige gesund und ein Trauma ist auszuschließen. Die Ärzte können sich die Verwirrtheit und den Gedächtnisverlust nicht erklären. Alois Alzheimer nimmt sich der Patientin an und schreibt seine Dialoge und Beobachtungen mit der Dame auf 31 Seiten nieder. Selbst, als er die Stadt Frankfurt verlässt und nach München geht, um dort an der psychiatrischen Klinik das hirnanatomische Laboratorium zu leiten, vergisst er seine Patientin nicht. Als Auguste Deter am 08. April 1906 verstirbt, veranlasst er, dass ihm das Gehirn der Patientin geschickt wird, um es mikroskopisch zu untersuchen. Dabei entdeckt er den extremen Zellschwund und seltsame Ablagerungen.

Das ist für ihn Grund genug, bei der 37. Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte über das seltsame Krankheitsbild zu berichten. Leider nehmen seine ärztlichen Kollegen das nicht für ernst und halten den Fall eher für eine Kuriosität. Es war die Zeit, als sich etliche Forscher und Ärzte mit dem Thema „menschliches Gehirn“ auseinandersetzten. Alois Alzheimer war jedoch der erste Arzt, dem der Zusammenhang zwischen den Ablagerungen und dem Gedächtnisverlust auffiel.

Die Alzheimer-Forschung geht weiter

Die Forschung hat seit damals erhebliche Fortschritte gemacht. Die Wissenschaft ist der Ansicht, dass die Krankheit – die meist nach dem 65. Lebensjahr ihren Beginn nimmt – durch einen zu langsamen Stoffwechselabbau ausgelöst wird. Die Hirnzellen sterben ab und in der Folge können sich die Betroffenen nicht mehr richtig artikulieren, sie vergessen alltäglich Dinge und sie erkennen in einem fortgeschrittenen Stadium ihre Familienmitglieder nicht mehr.

Vielen Angehörigen fällt oft erst dann auf, dass etwas nicht stimmt, wenn sie zahlreiche Notizzettel auf sämtlichen Gegenständen finden. Es findet sich darauf entweder die Bezeichnung für den Gegenstand oder aber elementare Aussagen wie etwa der Tod eines Freundes. Gelegentlich wiederholen sich die Aussagen auf den Notizzettel sogar.

Was genau die Erkrankung auslöst, ist noch nicht vollständig erforscht. Der Lebensstil spielt wohl ebenso eine Rolle wie die Ernährung. Doch auch Sportarten, die eventuell öfter mal eine Gehirnerschütterung zur Folge haben, könnten als Auslöser infrage kommen.
Der Münchner Psychiater Timo Grimmer sagt, dass die Ursache multifaktoriell ist. Er weist darauf hin, dass die Menschen stetig älter werden, dabei gesünder bleiben – was letztendlich die Erkrankungsrate erhöht. Timo Grimmer und seine Kollegen sind durch die extreme Häufung der Erkrankung alarmiert. Er weist darauf hin, dass sich eine Volkskrankheit, die Millionen Menschen betrifft, irgendwann nicht mehr beherrschen lässt.

Aus diesem Grund hoffen die Ärzte darauf, dass es in naher Zukunft neue Therapien gibt. Bis heute lässt sich die Krankheit lediglich mit Medikamenten lindern – nicht heilen.

Jeder ist gefordert

Die Ärzte fordern gesellschaftliche Akzeptanz. Die Gemeinschaft zwischen den Menschen untereinander muss sich verändern. Hier ist jeder gefordert. Wenn ein älterer Mensch am Tag zehnmal in einen Laden geht und jedes Mal das Gleiche kauft, benötigt dieser Mensch vielleicht Hilfe. Wenn ein älterer Mensch an der Kasse im Supermarkt kein Geld zum Bezahlen dabei hat, muss vielleicht nicht die Polizei gerufen werden, sondern die Angehörigen. Das erfordert von jedem einzelnen Menschen ein Mindestmaß an gegenseitiger Umsicht im Umgang miteinander.

Das Vergessen wird gern verschwiegen

Jeder Mensch sollte wissen, wie er mit Demenz-Kranken umgehen sollte. Wegschauen und weglaufen ist der falsche Weg. Es kann jeden treffen. Auch wenn Alzheimer-Kranke oft aus Angst böse Worte sagen. Oder extrem misstrauisch sind. Sie sind krank. Das sollte sich jeder vor Augen führen.

Alzheimer – der Namensgeber

Alois Alzheimer bemerkte die Veränderung des Charakters an seiner Patientin Auguste. Sie zeigte Angst, Misstrauen und Ablehnung. „Ich habe mich sozusagen verloren“ ist ein Satz, den sie öfter von sich gab. Alois Alzheimer nannte die Symptomatik „Krankheit des Vergessens“.

Alois Alzheimer starb im Jahr 1915 mit nur 51 Jahren. Somit erreichte er nicht das Alter seiner Patientin. Die „Krankheit des Vergessens“ wurde erst nach seinem Tod nach ihm benannt. Alzheimer.