Viele Obdachlose leiden an psychischen Störungen

Obdachlose leben am Rande der Gesellschaft. Manch einer mag sich aus freien Stücken für ein Leben ohne festen Wohnsitz entschieden haben, doch etliche rutschten durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in die Obdachlosigkeit.

Viele Obdachlose leiden an psychischen Störungen Viele Obdachlose leiden an psychischen Störungen (© jiduha - Fotolia.com)

Rund 300.000 Menschen haben in Deutschland keine eigene Wohnung und etwa 25.000 verbringen ihr Leben auf der Straße. Glaubt man der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, dann steigt die Zahl der Wohnsitzlosen bis zum Jahr 2016 auf ungefähr 380.000 an. In München ist die Lage besonders dramatisch. Ein Grund hierfür sind die hohen Mieten. Ende 2013 wurden 8.000 Menschen in Notunterkünften, Pensionen oder Wohnheimen untergebracht. Circa 550 Personen haben überhaupt kein Dach über dem Kopf und leben auf der Straße.

Die psychische Erkrankungsrate ist hoch

Das Klinikum rechts der Isar der TU München erstellte eine Studie über die psychischen Erkrankungen der Obdachlosen. Heraus kam, dass diese Menschen sehr oft an Suchterkrankungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen leiden. Doch lediglich ein Drittel der Obdachlosen erhält eine entsprechende Betreuung.

Insgesamt nahmen 232 Bewohner von Not-Einrichtungen an der Studie mit dem Namen „Seewolf-Studie“ teil. Seewolf steht für „Seelische Erkrankungsrate in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe“ und diese repräsentative Studie zeigt, dass eigentlich dringender Handlungsbedarf bestünde.

Die 232 Teilnehmer der Studie teilen sich auf rund 80 Prozent Männer und 20 Prozent Frauen auf. Dies entspricht in etwa dem gleichen Verhältnis, wie es in der Obdachlosigkeit vorherrscht. Die Studienteilnehmer wurden an drei Terminen mehrere Stunden lang körperlich und psychisch untersucht. Zudem führten die Mediziner mit den Menschen ein allgemein gehaltenes Interview und sie überprüften die intellektuellen Fähigkeiten der Betroffenen.

Fast alle Wohnsitzlosen waren oder sind behandlungsbedürftig

Es stellte sich heraus, dass 94 Prozent der Obdachlosen ein akutes Beschwerdebild zeigten – oder in der Vergangenheit an einer psychischen Krankheit litten.
Josef Bäuml, leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar, äußerte sich gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ dahingehend, dass das Klischee des Aussteigers im Sinne von einem „einsamen Wolf“ nichts mit der Realität eines Wohnsitzlosen gemein habe. Es sind Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Sie sind nicht in der Lage, eine Wohnung anzumieten. Die Studie ergab, dass bei den meisten Obdachlosen die geistige Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt ist. Im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt weisen viele einen niedrigeren Bildungsabschluss vor. Zudem spielen Abhängigkeitserkrankungen eine deutliche Rolle, denn 80 Prozent haben ein Suchtproblem, meist handelt es sich dabei um Alkohol. So versuchen viele Wohnunglose, mit den Auswirkungen ihrer psychischen Erkrankung „fertig“ zu werden. Rund 55 Prozent leiden an einer Persönlichkeitsstörung, 40 Prozent sind depressiv, 20 Prozent haben eine Angststörung und bei 14 Prozent wurde eine schizophrene Erkrankung diagnostiziert.

Im Schnitt seit fünf Jahren ohne festen Wohnsitz

Der Durchschnitt der 232 Studienteilnehmer lebt seit fünf Jahren ohne eine eigene Wohnung und davon ein knappes Jahr auf der Straße. Josef Bäuml erklärte gegenüber der Zeitung, dass die meisten der Studienteilnehmer eine schwierige und sperrige Persönlichkeitsstruktur hätten, die nicht unbedingt den Beschützerinstinkt eines Therapeuten weckt.

Der Leiter der Arbeitsgruppe klinische und experimentelle Neuropsychologie, Thomas Jahn, weist darauf hin, dass nicht immer nur die Obdachlosigkeit zu psychischen Störungen führte. Immerhin litten die meisten bereits vor ihrer Wohnungslosigkeit an einer psychischen Erkrankung, im Schnitt betrug die Dauer der Erkrankung 6,5 Jahre.

Der Verlust der Wohnung ist somit ein Risikofaktor, ebenso wie der Verlust eines geliebten Menschen oder der des Arbeitsplatzes. Denn so entstehe eine „sozial prekäre Situation“, so der Experte. Um den Menschen rechtzeitig zu helfen, sollten die Hilfsangebote beizeiten greifen, um zu verhindern, dass die Menschen ihre Wohnung verlieren.

Viele Patienten einer psychischen Einrichtung werden einfach viel zu früh entlassen. Denn nicht alle fallen in das schützende Netz einer ambulanten Betreuung. Aus diesem Grund sollten künftig vermehrt sogenannte „Multiprofessionelle Teams“ in den Noteinrichtungen eingesetzt werden, das ist die Ansicht von Thomas Duschinger von der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Quelle: MZ-Web