Hexenschuss – Paracetamol oder Placebo?

Wer je einen Hexenschuss hatte, kann über die höllischen Schmerzen ein Lied singen. Im medizinischen Fachjargon spricht man von Lumbago, Lumbalsyndrom oder dem Ischiassyndrom.

Hexenschuss - Paracetamol oder Placebo Hexenschuss - Paracetamol oder Placebo? (© Alliance - Fotolia.com)

Die Schmerzen jedoch – die sind immer gleich: Plötzlich auftretend, stechend – und sie bleiben gerne eine Weile. Was tun Patienten? Das einzig Richtige – sie schleppen sich kriechend, taumelnd oder in sonstiger Form zu einem Arzt. Der verschreibt in der Regel Paracetamol, ein probates Schmerzmittel. Von der „Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz“ empfohlen, scheint das Mittel ein Medikament erster Güte zu sein. Zumal sich auch andere Länder diesem Wissen beugen und ihren Patienten bei Schmerzen das als zuverlässig bekannte Paracetamol ebenfalls gerne verschreiben.

Neue Studie zur Behandlung eines Hexenschuss

Der Physiotherapeut Christopher Williams von der Universität Sidney stellte ein Team zusammen und machte sich mit rund 1650 Hexenschuss-Geplagten daran, eine Studie auf die Beine zu stellen. Die Betroffenen wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei verschiedene Gruppen eingeteilt: Die eine Gruppe wurde mit bis zu 4000 Milligramm Paracetamol behandelt, die anderen bekamen Placebos. Beide Gruppen wurden natürlich mit ärztlicher Beratung während dieser schmerzhaften Zeit unterstützt. Den Probanden wurde aufgetragen, sie sollen die Tabletten so lange einnehmen, bis es entweder ihrem Rücken wieder besser ginge oder bis vier Wochen vergangen sind. Nach Ablauf der vier Wochen sollten die Studienteilnehmer keine Pillen mehr einnehmen. Zusätzlich bekamen die Patienten ein „Rückentagebuch“ in die Hand. In dieses Büchlein sollten sie den Grad der Schmerzen eintragen. Auch die Schlaf- und Lebensgewohnheiten der Studienteilnehmer wurde von dem Wissenschaftler-Team unter die Lupe genommen.

Erstaunliche Erkenntnisse

Das Ergebnis überraschte, denn die Gruppe der Paracetamol-Probanden sprach sich im Schnitt nach 17 Tagen als schmerzfrei aus. Die Placebo-Gruppe war durchschnittlich nach nur 16 Tagen beschwerdefrei. Wer jetzt sagt, dass dafür sicherlich der Schmerz der Paracetamol-Gruppe erträglicher war, täuscht sich. Die erste Woche verlief für beide Gruppen gleich, alle Patienten berichteten von dem typischen, höllischen Schmerz. Darauf konnte das Paracetamol also keinen Einfluss nehmen. Das Gleiche trifft auf die Schlaf- und Lebensqualität zu – kein Unterschied.

Paracetamol – empfehlen oder nicht?


Christopher Williams zieht den Schluss aus der Studie, dass die allgemeine Empfehlung, Paracetamol bei akuten Rückenschmerzen als Mittel erster Wahl einzusetzen, neu überdacht werden müsse. Bart Koes und Wendy Enthoven vom Erasmus Medical Center in Rotterdam bemerken in einem Kommentar zur Studie, dass diese Ergebnisse einen bedeutsamen Einfluss auf die Behandlungen von Rückenschmerz-Patienten habe. Doch zuerst müsse das Resultat dieser Studie durch weitere Analysen bestätigt werden.

Die Änderung der Leitlinien steht noch nicht an

Ob die „Nationalen Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz“ ihre Empfehlung nun ändern, steht noch nicht fest. Die Medizinerin Carmen Khan vom ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin ist Mitherausgeberin der Leitlinien. Sie erklärt, dass die normale Vorgehensweise bei neuen Publikationen einer genauen inhaltlichen und methodischen Prüfung unterzogen werde. Wenn sich für die Leitlinie mögliche Konsequenzen ergeben sollten, dann werde darüber gemeinsam innerhalb der Autorengruppe darüber diskutiert und gemeinsam entschieden.

Geduld ist ein probates Mittel

Ein Hexenschuss ist vor allem schmerzhaft und lästig – gefährlich ist er nicht. Deswegen raten viele Ärzte zur Geduld. In einer Patientenbroschüre der Bundesärztekammer ist zu lesen, dass die Beschwerden bei akuten, nichtspezifischen Kreuzschmerzen nach kurzer Zeit von alleine nachlassen.

Quelle: Stern